„Wir müssen nicht stark tun“ – Ein Gespräch mit Pfarrer Duy-Anh Daniel Phan
Was bedeutet es, in einer Zeit des Umbruchs Pfarrer zu sein – mitten in Köln, zwischen Hochschule, Stadtgesellschaft und Transformationsprozessen?
Duy-Anh Daniel Phan verbindet biografische Brüche mit theologischem Tiefgang, persönliche Erfahrungen mit politischer Haltung. Als evangelischer Studierendenpfarrer und Teil des Transformationsprozesses „Hier und Weiter“ im Kirchenkreis Köln-Mitte steht er für eine Kirche, die zuhört, lernt und sich verändert – getragen von Vielfalt, Teilhabe und dem Glauben an Gottes Mitgehen.
Im Interview spricht er über Räume des Scheiterns, seinen Ordinationstag, seine Erfahrungen als Kind vietnamesischer Geflüchteter – und darüber, warum es gerade heute mutige, ehrliche und solidarische Kirche braucht.
„Mut zum Scheitern“ – was mich zuletzt bewegt hat
Mich haben in den letzten Monaten besonders zwei Dinge bewegt:
Zum einen unsere „Fuck-Up-Night“ mit Studierenden. Da erzählen junge Erwachsene ehrlich von Momenten, in denen etwas nicht geklappt hat – Prüfungen, Beziehungen, Projekte. Kein Glanz, keine Inszenierung. Stattdessen Mut, sich den eigenen Brüchen zu stellen. Für mich ist das zutiefst evangelisch: Wir müssen nicht stark tun, um angenommen zu sein. Wir schauen hin, halten aus, fangen neu an – miteinander. Dieser Abend hat mich gelehrt, wie heilsam ein Raum ist, in dem wir Scheitern nicht verstecken, sondern teilen und verwandeln.
Zum anderen die Vertiefung in Transformationsprozesse in Köln-Mitte. Ich komme mit sehr unterschiedlichen Menschen ins Gespräch – über Gegenwart und Zukunft von Kirche und Gesellschaft. Das allgemeine Narrativ ist oft düster: Abbau, Einsparungen, Überforderung. Und doch erlebe ich genau in diesen Gesprächen so viel Gutes: Leidenschaft, Kreativität, Hoffnung. Menschen, die mitarbeiten wollen an einer Kirche und Gesellschaft, die von Vielfalt, Liebe und Solidarität getragen wird. Diese Resonanz macht mich zuversichtlich – trotz aller realen Herausforderungen.
Meine Ordination: Ein Satz, der mich trägt
Im Ordinationsvorhalt, dem Dienstauftrag als Pfarrperson, gibt es einen Satz, der mich seit Längerem beschäftigt: „Gib keinen verloren.“ Ehrlich gesagt, ringe ich damit. Ich bin nur ein Mensch – wie soll ich die Kraft haben, niemanden aufzugeben, gerade wenn ich an extremistische oder rassistische Haltungen denke?
Im Nachdenken wurde mir klar: Dieser Auftrag ist nie ein Solo. Ich trage ihn mit einer Gemeinde, mit Kolleg*innen, Freund*innen – und vor allem: Gott geht mit. In dem Moment, als meine Mentorin Pfarrerin Miriam Haseleu, die um mein Ringen wusste, diese Worte aussprach, habe ich das gespürt: „Du bist nicht allein. Du versprichst hier nicht nur – du wirst auch gestärkt.“ Diese Erfahrung von Weggemeinschaft prägt mich. Sie passt zu meinem Ordinationsvers aus der Emmaus-Erzählung: Glaube geschieht unterwegs, im Zuhören, im gemeinsamen Deuten – „Brannte nicht unser Herz?“
Warum Vielfalt keine Option ist, sondern Haltung
Ich bin einer der wenigen Pfarrpersonen in Köln mit internationaler Familiengeschichte – meine Familie kam als Geflüchtete aus Vietnam nach Deutschland. In Köln erlebe ich: Ich werde nicht trotz, sondern gerade wegen meines Namens, meines Aussehens und meines nichtakademischen Starts ernst genommen. Dieses Angenommen-Sein möchte ich weitergeben.
Darum heißt Kirche für mich: Vielfalt leben – nicht als Extra, sondern als Grundhaltung. Räume schaffen, in denen Generationen und Kulturen voneinander lernen; in denen marginalisierte Stimmen nicht nur „mitgedacht“, sondern mitbestimmen und mitgestalten. Und auch politisch klar sein: Wir beziehen Stellung, wo Menschenwürde bedroht ist. Das ist für mich gelebter Glaube.
Wie ich Kirche verändern möchte
Mein roter Faden: eine ehrliche und zuhörende Kirche, die für die Sorgen und Hoffnungen der Menschen eintritt. Mich treibt die Frage um: Wie kann Kirche anders werden – gerechter, rassismuskritischer, feministischer, partizipativer?
Ein Herzensprojekt ist meine halbe Stelle im kirchlichen Transformationsprozess „Hier und Weiter“. Transformation soll vom Menschen und ihren Themen her gedacht sein – nicht um der Strukturen willen. Unsere Ressourcen sind dafür da, Leben zu dienen und Demokratie zu stärken, nicht nur die eigene Organisation zu stabilisieren. Konkret heißt das: gemeinsam mit Haupt- und Ehrenamtlichen neue Formate ausprobieren, Kooperationen in die Stadtgesellschaft hinein, Beteiligung auf Augenhöhe – und aus gelungenen wie misslungenen Versuchen lernen.
Junge Menschen erreichen – mit vier klaren Werten
Erstens: zuhören. Wirklich. Aushalten. Verstehen. Noch mal von vorne anfangen. Wir Theolog*innen sind geübt darin, schnell mit Worten (und Predigten) zu kommen. Ich möchte zuerst die Frage stellen: Was braucht ihr?
Zweitens: partizipativ handeln. In der Evangelischen Studierendengemeinde sind so Formate entstanden wie die Fuck-Up-Night oder Ermutigungsabende, bei denen wir inspirierende Menschen einladen. Es geht nicht darum, „Programme“ zu setzen, sondern Räume, in denen junge Erwachsene mitgestalten können – spirituell, intellektuell, politisch.
Drittens: verlässlich bleiben. Vier Werte tragen meine Arbeit – nicht spektakulär, aber wirkungsvoll:
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Verlässlichkeit: Zusagen gelten. Man kann sich aufeinander verlassen.
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Kompetenz: Wissen und Ideen werden kollegial, kreativ und innovativ zusammengebracht – auf Augenhöhe.
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Wertschätzung: Ehrenamt hat Respekt verdient und ein echtes „Danke“. Ohne euch geht es nicht.
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Qualität: Sorgfalt und Liebe zum Detail – ob Gottesdienst, Kultur, Seelsorge oder Bauprojekt.
So entsteht Vertrauen. Und Vertrauen ist die wichtigste „Brücke“ zu jungen Menschen.
Mein Wunsch für die Zukunft: Relevanz statt Größe
Ich bin vorsichtig mit großen Fahrplänen. Die nächsten Jahre werden einschneidend: weniger Mittel durch demografische Effekte, weitere Austritte, Relevanzverlust – und vor allem der berechtigte Vertrauensverlust, spätestens nach den Ergebnissen der ForuM-Studie. Ich glaube nicht an schnelle Antworten.
Ich denke realistisch und zugleich hoffnungsvoll: Wir werden vertrauensvolle Beziehungen aufgebaut haben – Orte, an denen man Fragen, Zweifel und Glauben teilen kann. Dass wir neue Formen von Gemeinde erprobt haben, die näher am Alltag der Menschen sind. Dass wir als Kirche kleiner, aber relevanter geworden sind: eine Gemeinschaft, die die Botschaft von Glaube, Hoffnung und Liebe in verständlicher Sprache lebt.
Wenn dann Menschen sagen können: „Hier wurde mein Herz berührt – ich wurde gesehen, gehört, ernst genommen“, dann bin ich dankbar, Teil davon zu sein. Nicht als „Alpha-Pfarrer“, sondern als Mitgehender in einem guten Team – mit mehr Fragen als Antworten, aber mit der Zuversicht: Gott geht mit.
Duy-Anh Daniel Phan steht exemplarisch für eine neue Generation kirchlicher Stimmen: glaubwürdig, lernbereit, kritisch und zugleich tief verwurzelt im evangelischen Glauben.
Seine Antworten zeigen: Es braucht keine schnellen Antworten, aber klare Haltungen. Keine großen Versprechungen, aber gelebte Verlässlichkeit.
Inmitten struktureller Herausforderungen setzt er auf Beziehung, Beteiligung und geistliche Tiefe. Wenn Kirche Zukunft haben will, dann so – ehrlich, demütig und menschenzugewandt.
Zur Person: Duy-Anh Daniel Phan im Porträt

Duy-Anh Daniel Phan (Jg. 1991) arbeitet als Ev. Studierendenpfarrer in Köln sowie im urbanen Transformationsprozess „Hier und Weiter“ des Evangelischen Kirchenkreises Köln-Mitte. Er verbindet Praxis und Forschung als Doktorand der Kirchengeschichte (Neuzeit, Schwerpunkt Aufklärung/Pietismus) an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal. Er ist gelernter Justizfachangestellter und hat Evangelische Theologie in Marburg, Wuppertal und Bonn studiert (Kirchliches Examen). In seiner Freizeit: Triathlon, Lesen, Gitarre.
Text: APK
Foto(s): Martin Kropf
Der Beitrag „Wir müssen nicht stark tun“ – Ein Gespräch mit Pfarrer Duy-Anh Daniel Phan erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.